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Die Kanal-Lotsen




Der Lotse hat einen abwechslungsreichen Beruf aber manchmal muss er auch einfach abwarten. Nie kann auf den Punkt genau gesagt werden, wann welches Schiff in den Nord-Ostsee-Kanal einlaufen will.
Diese Erfahrung machte auch die Redaktion des „Brückenbote“ als wir für diese Reportage im Jahr 2005 von der Lotsenbrüderschaft in Kiel-Holtenau eingeladen wurden, eine Reise durch den Kanal mitzumachen und einem Lotsen bei seiner Arbeit über die Schultern zu schauen.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit um 10 Uhr waren wir an der Schleuse in Kiel-Holtenau. Aber da waren wir alleine. An diesem Tag war die Strecke zur Nordsee nicht so gefragt. Michael Schmenner, der damalige Ältermann der Lotsenbrüderschaft Kiel-Holtenau, erklärt: „Normalerweise ist der Schiffsverkehr zur Nord- und Ostsee eher ausgeglichen.
Aber es gibt auch die Ausnahmen.“ Ein kurzes Telefonat mit der Lotsenstation in Rüsterbergen und wir fahren zurück nach Rendsburg. Die „Helgaland“, ein Containerschiff, das ihre Ladung im Ostseeraum verteilen soll, ist im Kanal. Kapitän Stefan Schmuck hat nichts dagegen, uns mit an Bord zu nehmen.
Die Lotsenstation Rüsterbergen ist die Endstation für die Lotsen. Hier wird getauscht. Denn hier wechselt der Zuständigkeitsbereich der Lotsenbrüderschaften Brunsbüttel und Kiel-Holtenau, das heißt ein Lotse geht von Bord, der nächste übernimmt das Schiff. Obwohl die Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal nur etwa acht Stunden dauert, wechseln die Lotsen. Denn eine lange Arbeitszeit auf der Brücke eines Schiffes wäre doch zu gefährlich. Schon durch die kleinste Unaufmerksamkeit könnte ein Millionenschaden entstehen.
Bis 1995 war die Lotsenstation noch in Nübbel. Dann wurde in Rüsterbergen neu gebaut.
In der Lotsenstation sorgen die so genannten Operator unter anderem dafür, dass immer eine genügende Anzahl an Lotsen für jede Richtung anwesend sind. Im Idealfall können sie mit Hilfe des Internets die Lotsen 24 Stunden im voraus einplanen. Aber es kann auch zu Engpässen auf einer Strecke kommen. Dann werden die Lotsen per Taxi zur Lotsenstation beordert. Sollte es doch einmal zu Wartezeiten in Rüsterbergen kommen, ist für die Lotsen gesorgt: Es gibt Schlafkojen für ein kurzes Nickerchen und der Kühlschrank ist mit Leckereien gefüllt.
Seit der Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanal gibt es Kanallotsen. Bis 1922 waren sie Reichsbeamte. Dann verzichteten die Lotsen auf den Beamtenstatus und gründeten die Brüderschaften. Heute gibt es auf dem Nord-Ostsee-Kanal etwa 260 Lotsen, die sich selbst verwalten und alle freiberuflich tätig sind.
Unser Schiff, die „Helgaland“ kommt um die Kurve, ein gepflegtes blaues Schiff von 137,5 Metern Länge und 21,30 Metern Breite. Sie ist vermessen mit 7519 BRZ und fasst 845 TEU (Was TEU bedeutet lesen Sie hier). Der Heimathafen ist London. 2003 wurde die „Helgaland“ bei der Sietas-Werft in Neuenfelde gebaut.
Das Schiff ist ein häufiger Gast im Nord-Ostsee-Kanal. Trotzdem hat sich Lotse Peter Hüpers im Computer die Schiffsdaten und das Gewicht der geladenen Container noch einmal angesehen. Ein und dasselbe Schiff reagiert bei unterschiedlicher Beladung anders. Routine und Erfahrung sind für die Lotsen schon wichtig aber trotzdem müssen sie immer auf der Hut sein. Schiffe sind angeblich wie Frauen: Die haben ihre Eigenarten und machen nicht immer das, was man vermutet.
Peter Hüpers nimmt uns mit auf das so genannte Lotsenversetzboot, das sofort Kurs auf die „Helgaland“ nimmt. Das schnelle und wendige rotweiße Boot geht längsseits der „Helgaland“. Über eine Strickleiter, die Jakobsleiter, das Fallreep, entern wir auf das Schiff. Bevor es auf die Brücke geht, tragen wir uns alle in eine Liste ein. Vom Lotsenkollegen aus Brunsbüttel erhält Peter Hüpers eine kurze Einweisung. Wie verhält sich das Schiff? Ist etwas besonders zu beachten? Ein Ritual, das sich bei jeder Ablösung wiederholt.
Die „Helgaland“ hat aufgrund ihrer Abmessungen zwei Kanalsteuerer in Brunsbüttel mit an Bord genommen. Sie steuern das Schiff abwechselnd durch den Kanal. Kapitän Schmuck ist nicht auf der Brücke. Viele Kapitäne nutzen die Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal und erledigen die anfallenden Schreibtischarbeiten. Aber trotzdem bleibt der Kapitän für sein Schiff verantwortlich. Deshalb ist sein Vertreter, der erste Offizier, auf der Brücke.
Peter Hüpers erklärt: „Die Lotsen haben auf jedem Schiff nur eine beratende Funktion. Meine Aufgabe ist es, das Schiff sicher durch den Kanal zu führen. Sicher für das Schiff aber auch sicher für den Kanal.“
Die heutige Fahrt ist für die „Helgaland“ ein guter Durchmarsch durch den Kanal. Nur ein Schiff kommt uns entgegen. Und dem müssen wir schon in der Weiche Schülp Platz machen.
Jedes Schiff im Kanal wird in so genannte Verkehrsgruppen von eins bis sechs eingeteilt. Schiffe ab der Verkehrsgruppe zwei sind lotsenpflichtig. Es dürfen sich auf der Oststrecke nur Schiffe auf offener Strecke begegnen, deren Summe der Verkehrsgruppen höchstens sechs ergibt. Ist sie höher muss ein Schiff in einer der Weichen warten. Dieses steuern die Verkehrslenker in Brunsbüttel. Sie entscheiden auch, welches Schiff freie Fahrt hat, oder in der Weiche eventuell warten muss.
„Hier ist Kielkanal 3, der Sammelanruf…“ Alle 30 Minuten melden sich die Lenker und geben die aktuellen Schiffsbewegungen und eventuelle Stopps in den Weichen bekannt. Auch unser entgegenkommendes Schiff, ein Tanker, wird gemeldet. Lotse Hüpers schaut auf die Uhr und lässt etwas Fahrt rausnehmen. Wir sehen bereits die Weiche Schülp und die Signale, die für uns auf Rot stehen. „Ein Schiff hat keine Bremsen, alles dauert ein wenig länger“, erklärt Peter Hüpers. Auch der Tanker hat die Weiche erreicht. „Ich versuche zu verhindern, dass wir erst in der Weiche festmachen müssen. Das kostet nur Zeit“, sagt Peter Hüpers. Seine Kalkulation geht genau auf. Wir fahren ganz rechts an die Dalben, aber kurz bevor die „Helgaland“ ganz zum Stehen gekommen ist, ist der Tanker vorbei und das Signal am Ostende der Weiche Schülp zeigt jetzt grün.
Dalben stehen auf beiden Seiten jeder Weiche im Nord-Ostsee-Kanal. 16 etwa 20 Meter lange Holzpfähle werden miteinander verbunden und tief im Kanalbett verankert. Die Dalben ragen nur wenige Meter aus dem Wasser. In jeder Weiche stehen etwa 70 dieser Dalben im Abstand von 20 Metern. Durch Schiffsstöße werden etwa 65 Dalben pro Jahr so stark beschädigt, dass sie erneuert werden müssen. Der Austausch einer Dalbe kostet rund 40 000 Euro.
Die „Helgaland“ hat wieder Fahrt aufgenommen und weiter geht’s in Richtung Rendsburg. Es ist schon beeindruckend, wenn man auf den Versorgungswegen rechts oder links entlang des Kanals auf dem Fahrrad oder auch zu Fuß unterwegs ist. Man bestaunt die unterschiedlichsten Schiffe. Aber vom Wasser sieht die Welt ganz anders aus – ziemlich schön nämlich.
Schätzungsweise 30 Meter hoch ist die Brücke der „Helgaland“. Auf der Nord- und auf der Südseite des Kanals haben wir von hier oben einen ungehinderten Blick auf die Äcker und Wiesen und die schönen Häuser in der ersten Reihe mit extra großen Fenstern für den Kanalblick. Selbst die Rendsburger Hochbrücke, auf die wir jetzt zusteuern, sieht klein aus. Viele Spaziergänger winken uns zu. Gerne erwidern wir den netten Gruß.
Vor dem Kreishafen heißt es jedoch wieder: langsamer werden. „Wenn wir hier zu schnell durchfahren, würden wir die kleinen Schiffe, die im Hafen liegen losreißen. Der Sog wäre zu stark“, erklärt Peter Hüpers. „Deshalb nehmen wir auch an allen Fährstellen Fahrt raus.“
Unter der Eisenbahnhochbrücke hindurch erreichen wir die Schiffsbegrüßungsanlage. Schiffsbegrüßer Wolfgang Martens schickt neben dem Flaggedippen und der Nationalhymne auch einen besonderen Gruß an die Redaktion des „Brückenbote“. Gänsehautfeeling.
Bei den Kapitänen aller Schiffe, die durch den Nord-Ostsee-Kanal fahren und auch bei den Lotsen kommt die Schiffsbegrüßungsanlage, die 1996 ihren Dienst aufgenommen hat, sehr gut an. Sie freuen sich, dass die Schifffahrt so viele Menschen begeistert.
Wir fahren weiter in Richtung Kiel. Die Oststrecke gilt bei vielen als die schönere Kanalstrecke, obwohl sie auch enger ist.
Der Kanalabschnitt zwischen der Weiche Königsförde und dem Binnenhafen Kiel-Holtenau hat sich zu einem Flaschenhals für den Schiffsverkehr entwickelt. Hier soll der Nord-Ostsee-Kanal ausgebaut werden. Die Kurven sollen begradigt und der Kanal im allgemeinen verbreitert werden.
Mit den Planungen hierzu ist vor ein paar Jahren begonnen worden. Wann aber der genaue Baubeginn stattfinden soll, steht noch nicht fest.
Lotse zu sein ist für Peter Hüpers ein besonderer Beruf. Er ist mit eben über 40 Jahren einer der jüngsten Lotsen auf dem Kanal. 1983 hat es ihn zur See gezogen. Drei Jahre später hatte er die Ausbildung als Schiffsmechaniker abgeschlossen. Nachdem er auf verschiedenen Schiffen angeheuert hatte, begann er 1987 das Studium zum Kapitän mittlere Fahrt. Nach weiterer Ausbildung und praktischer Erfahrung hatte er 1993 das Patent als Kapitän zur großen Fahrt. Bevor er sich entschloss Lotse zu werden, war er über zwei Jahre Kapitän bei Teamlines.
Bedeutetet Lotse auf dem Nord-Ostsee-Kanal zu sein, denn automatisch mehr Freizeit mit der Familie verbringen zu können? „Freizeit haben wir eigentlich genug, nur keine planbare Freizeit“, sagt Peter Hüpers. Alle Lotsen, die nicht im Urlaub oder krank sind, werden in einer so genannten Bört geführt. Die Bört muss man sich als Liste vorstellen. Wer oben an erster Stelle steht, bekommt das nächste Schiff. Ist er durch, reiht er sich wieder hinten ein. Je mehr Schiffe durch den Kanal fahren, desto kürzer wird der Rhythmus. 120 Lotsen sind in der Lotsenbrüderschaft Kiel. Ein Kollege von Peter Hüpers nannte das mal: „Pendeln zwischen Bett und Brücke.“ Vier Monate sind die Lotsen in der Bört und haben dann einen ganzen Monat frei. Von den etwa 42 000 Schiffen, die jedes Jahr durch den Kanal kommen, sind etwa 30 000 verpflichtet, einen Lotsen an Bord zu nehmen. Wie die meisten seiner Kollegen wollte auch Peter Hüpers Lotse werden, um näher bei seiner Familie sein zu können.
Peter Hüpers wurde heute Morgen um 7 Uhr angerufen. Er hat sich zu Hause über das Internet informiert, welches Schiff er übernehmen soll. Und dann ging es los. „Ich kann mir das Schiff nicht aussuchen, das ich sicher durch den Kanal führen soll, aber das Schiff kann sich auch den Lotsen nicht aussuchen“, sagt Peter Hüpers. Schiffe, die im Linienverkehr eingesetzt sind, sind wesentlich problemloser, als Exoten. „Denen muss man schon mal sagen, auf welche Seite sie die Leiter für den Kollegen raushängen sollen.“ Das ist übrigens immer die Landseite.
Heute ging es für Hüpers relativ glatt. In Rüsterbergen hatte er keine große Wartezeit bis die „Helgaland“ kam. „Ich habe aber auch schon mal 12 Stunden auf das nächste Schiff gewartet. Das ist dann tote Zeit, die ich lieber mit meiner Familie in Kiel verbracht hätte.“
Tagsüber ist es angenehm, ein Schiff durch den Kanal zu leiten. Aber wie sieht es nachts oder bei dichtem Nebel aus? Durch die Radar- und GPRS-Technik ist auch das kein Problem. Der Kanal ist deutlich am Bildschirm dargestellt. Die eigene Position und auch die Position und der Name aller anderen Schiffe werden dargestellt. So sind auch Absprachen zwischen den Lotsen der einzelnen Schiffe möglich. Überholmanöver in Weichen können gegebenenfalls besprochen werden. Dazu gibt es eine eigene Frequenz im Sprechfunk, mit dem jeder Lotse ausgestattet ist.
Wir nähern uns auf unserer Kanalfahrt in Richtung Kiel der Levensauer Hochbrücke. Hier ist noch einmal besondere Aufmerksamkeit gefordert. Denn hier ist das absolute Nadelöhr des Kanals. In der Sohle ist er hier nur 40 Meter breit und der Kurvenradius beträgt 1800 Meter. Da wir heute keinen Gegenverkehr haben, passieren wir genau mittig die Brücke. Jetzt kommt auch Kapitän Stefan Schmuck auf die Brücke. Die Schleuse in Kiel-Holtenau bei Kanalkilometer 98,7 ist in Sicht und die Einfahrt in die engen Schleusenkammern will er selber übernehmen. Für Kapitän Schmuck ist der Nord-Ostsee-Kanal ein besonderes Revier. Hier hat er ein „behindertes“ Schiff, weil der Kanal so eng ist. In offenen Gewässern reagieren Schiffe ganz anders als im Kanal.
Auch vor der Schleuse braucht die „Helgaland“ nicht zu warten. Langsam manövriert Kapitän Schmuck sein Schiff am Steuerstand in der Backbord-Nock in die Kammer. Die Verstellpropeller der Schiffsschraube stehen auf „voll rückwärts“, das Bugstrahlruder surrt, die „Helgaland“ gleitet über die volle Schiffslänge zentimetergenau an der Mauer entlang. Auf der Schleuse sind groß die Meterangaben geschrieben, wie weit es noch bis zum Schleusentor ist. Zehn Meter vorher macht die „Helgaland“ fest – das ist Maßarbeit. Wir gehen von Bord und auch Lotse Peter Hüpers verabschiedet sich kurz. „Bis zum nächsten Mal.“
Wann er das nächste Schiff wieder Richtung Rüsterbergen leiten wird, weiß er nicht. Für die „Helgaland“ geht es nach 30 Minuten Schleusenzeit weiter in Richtung Ostsee.